Abschlussworkshop des DFG-Projekts „Handelnde Dinge in Literatur und Kultur von 1750 bis heute“

Organisation: Prof. Dr. Uwe Steiner, Patrick Ramponi, M.A.

Freitag, 22. April 2016, 9:00 - 18:00 Uhr

FernUniversität in Hagen
Gebäude IZ /TGZ
Raum D05/D06, EG
Universitätsstraße 1/11
58084 Hagen

Man hat sich selten darüber gewundert, daß derjenige F. T. Vischer, der die Tücke des Objekts statuierte, in demselben Werk, dem Roman „Auch Einer“, und in demselben Atemzug ein weiteres geflügeltes Wort geprägt hatte: „Das Moralische versteht sich immer von selbst.“ Vischer scheint das Moralische zu eben dem Zeitpunkt noch einmal als anthropologisch oder transzendental fundiert zu behaupten, als sich die Mores zunehmend mit materiellen Gebilden verschränkten: Das „Saeculum der Dinge“ (so Hartmut Böhme über das 19. Jahrhundert) hat dies freilich zumeist als problematisch empfunden, und darum Kategorien entwickelt, die Dinge mit anscheinender Handlungsmacht („agency“) zu skandalisiern wußten. Der Begriff des Fetischismus ist vielleicht der prominenteste unter ihnen, der des Animismus eine andere; zu ihnen zählt auch die eigens so ausgewiesene, bald populär gewordene Neue Mythologie Vischers von der Tücke des Objekts. Immerhin macht sie, die „poetische Verwechslung von Subjekt und Objekt“, am Ende doch kein Hehl daraus, daß nicht, wie in idealistischer Tradition, das Subjekt das Objekt regiert, sondern sich vielmehr „das Objekt auf das Subjekt, der Inhalt auf die Form […] übertrug“. Derselbe Vischer wußte als kulturkritischer Essayist schließlich, „daß die Kleidermode […] von der Sittenmode sich nicht völlig trennen läßt“. Die Frage nach moralischen Dingen berührt sozusagen ein objektiv gewordenes Transzendental (M. Serres).

Wenn Rilke zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die poetologische Maxime formuliert, die Dinge zu sagen, wie sie sind, ja, zu zeigen, „wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser“ (Neunte Duineser Elegie) geht daraus im Umkehrschluß hervor, daß Dinge auch unglücklich oder schuldig sein können. Wie kommt das zustande, solch eine Vermischung konkreter Gegenständlichkeit und moralischer Qualitäten? Seit wann und wie interessiert sich Literatur für die Vermischungen zwischen Mores und Materialität?

Wenn man sich bisher mit Dingen unter moralischen Gesichtspunkten beschäftigt hat, dann zumeist unter dem Fokus einer Ethik des Konsums, die den Verbraucher und sein Verhalten in den Mittelpunkt stellt. Das Moralische an den Dingen wäre in diesem Sinne die Moral ihrer Konsumenten, die Produktions- und Distributionsumstände von Produkten in ihre Kaufentscheidungen einbeziehen (fair trade, Bio). Gut oder schlecht sind mithin Attribute von Konsumentscheidungen. Waren und Dinge sind aber längst nicht nur ein Fall für wirtschaftsethische Gesinnungsfragen oder Marketingstrategien: Zu fragen wäre nämlich nach der objekteigenen Moralität, nach einem Zusammenspiel von Dinglichkeit und Moral, das sich jenseits diskursiver Zuschreibungen abspielt.

Der Workshop „Moralische Dinge“ will epochenübergreifend und in literaturwissenschaft­licher Perspektive den vielfältigen Einlassungen des Sittlichen in in materielle Dispositionen und Dispositive nachgehen. Er befragt literarisches Wissen davon, wie das Verhalten gerade von Dingen auch menschliches Verhalten formiert, informiert und deformiert. Die Literatur hat dafür nachhaltige Genretraditionen herausgebildet, so etwa die seit der frühen Neuzeit virulenten Dingbiographien, oder die Hausväterliteratur, die Wirtschaft und Sitten lehrt. Somit stellt sich die Anschlußfrage, auf welche Weise die Literaturen der Sattelzeit und der Moderne beobachten, wie sich in Dingen des Alltags, in Möbeln, Requisiten, Waren oder Kleidern die Sitten und Gewohnheiten ihrer Benutzer inkorporieren, wie ganze dingliche Milieus und Interieurs affektive Bindungen ermöglichen, aber auch Trennungen einleiten und emotionale Abgründe eröffnen.

Kontakt:

Patrick Ramponi, M.A.
FernUniversität in Hagen
Kultur- und Sozialwissenschaften
Lehrgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medientheorie
58084 Hagen

E-Mail: patrick.ramponi@fernuni-hagen.de

Telefon (Sekretariat): +49 2331 987-4882

Gäste - auch von außerhalb der FernUniversität - sind herzlich willkommen. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldungen nimmt Herr Ramponi per E-Mail entgegen.

Eine Teilnahmebescheinigung im Sinne der Studienordnung wird nicht ausgestellt.

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Leyla Pektas | 28.11.2018