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Die dunklen Seiten der Persönlichkeit

Er war über mehrere Jahre als Gerichtsgutachter tätig, hat sieben Jahre Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen im Maßregelvollzug behandelt und parallel an seiner akademischen Laufbahn gearbeitet; zuletzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Jetzt hat sich Prof. Dr. Andreas Mokros endgültig für die Wissenschaft entschieden. Der Psychologe leitet das Lehrgebiet Persönlichkeitspsychologie, Diagnostik und Beratung (PDB) an der FernUniversität in Hagen.


Im Interview erzählt Mokros, welche Pläne er für seine Forschung und Lehre an der FernUniversität hat. Vor allem lotet der Wissenschaftler die Untiefen menschlicher Eigenschaften aus.

FernUniversität: Sie stammen ursprünglich aus Schwerte, Hagens Nachbarstadt an der Ruhr. Ist der Start an der FernUni ein Heimspiel für Sie?
Prof. Mokros: Ja und nein. Ich bin natürlich mit der Region vertraut und wohne derzeit in Schwerte. Meine eigene Familie lebt allerdings noch in Regensburg. Das war unser Lebensmittelpunkt in den vergangenen 13 Jahren. Ich habe mich dort habilitiert und seit 2013 als Privatdozent gelehrt. Ich freue mich aber sehr, wieder in der Heimat zu sein.

Wann war der Zeitpunkt, an dem Sie sich nach sieben Jahren Arbeit im psychiatrischen Maßregelvollzug doch für die Wissenschaft entschieden haben?
Ich habe beide Stränge parallel verfolgt. Nach meinem Studium in Bochum und Liverpool bin ich an der Uni Wuppertal promoviert worden. Ein bisschen speziell war, dass ich meine Promotion vor meinem Diplom abgeschlossen habe. Aus dem Studium in England hatte ich bereits einen Master-Abschluss. Nach Liverpool bin ich gegangen, um mich auf das Thema Kriminalpsychologie zu spezialisieren. Das war eine tolle internationale Erfahrung. Später habe ich dann als Zweithörer noch mein Diplom in Deutschland beendet.

Kriminalpsychologie – in Thrillern sind das die Profiler, die Täterinnen und Tätern tief in die Seele schauen, Persönlichkeitsstrukturen offen legen.
Die Realität ist viel nüchterner als im Krimi. Grundsätzlich ist es aber eine spannende Frage, inwiefern Persönlichkeitseigenschaften menschliches Handeln in Extremsituationen bestimmen, also etwa auch beim Begehen einer Straftat. Damit habe ich mich in meiner Dissertation beschäftigt. Demnach gibt es durchaus Zusammenhänge, diese sind aber vergleichsweise schwach. Und sie beziehen sich auf psychologische Eigenschaften, nicht auf Merkmale, wie man sie beispielsweise in Polizeidatenbanken finden würde. Die tatsächliche Aufgabe von Fallanalytikern, wie die Profiler bei der Polizei heute heißen, besteht eher in der Rekonstruktion. Später habe ich mich aber wesentlich stärker mit computergestützter Diagnostik und Persönlichkeitsstörungen beschäftigt. Vor allem mit Psychopathie – einer Auffälligkeit, die von manipulativem Geschick und Gemütlosigkeit gekennzeichnet ist.

Wie hängt das mit Ihrer Professur an der FernUniversität zusammen?
Die Persönlichkeitspsychologie bildet die Klammer zur Diagnostik und Beratung – alle drei stecken in der Bezeichnung des Lehrgebietes. Die Persönlichkeitspsychologie analysiert die Ursachen und das Zusammenspiel menschlicher Eigenschaften. Ein gängiges Koordinatensystem zur Beschreibung der Persönlichkeit umfasst fünf Dimensionen: Offenheit, Außenorientierung, emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Anhand dieser fünf Merkmale lässt sich jeder Mensch einordnen. Wie entsprechende Unterschiede festgestellt werden können, ebenso wie beispielsweise Unterschiede in Fähigkeiten und Einstellungen – das ist wiederum das Thema der psychologischen Diagnostik. Beide Bereiche – Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik – bilden die Grundlage für Beratung. Da schließt sich der Kreis zu meiner Erfahrung in der forensischen Arbeit. Dort habe ich mich eher mit den dunklen Seiten der menschlichen Eigenschaften befasst. In der Literatur bezeichnet man das als Dark Tetrad of Personality, auf Deutsch vielleicht als dunkle Vierheit der Persönlichkeit: Psychopathie, Narzissmus, Machiavellismus und Charaktersadismus.

Wie fließen Ihre bisherigen Erfahrungen konkret in Forschung und Lehre an der FernUni ein?
Bisher habe ich mich vor allem mit dem Extrem beschäftigt, sozusagen mit dem äußersten Rand der Normalverteilung. Ich bin davon überzeugt, dass es informativ und nützlich ist, beispielsweise die skizzierte Dunkle Tetrade von Eigenschaften bei Menschen aus der Allgemeinbevölkerung zu untersuchen, nicht nur bei verurteilten Straftätern. Dafür bietet die FernUni optimale Möglichkeiten: Online-basierte Umfragetools, Synergien mit anderen Lehrgebieten und vor allem Kooperationen im Institut für Psychologie. Für die Lehre sehe ich ein großes Potenzial in Onlineformaten. Außerdem können spannende Themen wie Persönlichkeitsstörungen oder die Dunkle Tetrade der Persönlichkeit in der Lehre wie ein Schlaglicht wirken, um ansonsten weniger attraktive, aber wichtige Inhalte zu vermitteln. Das betrifft insbesondere Methoden der Diagnostik.

Anja Wetter | 01.09.2017
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