„Geld allein taugt nicht zur Identitätsbildung“. Entführungen von Millionären und Millionärinnen in der Bundesrepublik zwischen Ereignis, Deutung und Erinnerung.

27. Oktober 2021

Lüdenscheider Gespräche

Zeitraum
27.10.2021
18:00 Uhr (bis 20 Uhr)

Veranstalter/-in
Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität

Referent/-in
Dr. Eva Gajek
Justus-Liebig-Universität Gießen
Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Leibniz-Preis-Arbeitsgruppe „Geschichte und Theorie des globalen Kapitalismus“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen; für ihre Promotion erhielt sie den Hedwig Hintze Preis des Verbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschland; derzeit arbeitet sie an einer Kulturgeschichte des Reichtums im 20. Jahrhundert.

Moderation
PD Dr. Eva Ochs (FernUniversität)

Auskunft erteilt
Eva Engelhardt

Seit den 1970er Jahren stieg die Zahl von Entführungen mit Lösegeldforderungen erheblich. Allein im Herbst 1976 wurden fünf Personen entführt, wobei die Oetker-Entführung mit einer Lösegeldforderung von 21 Millionen DM den dramatischen Höhepunkt bildete. Die Zunahme des Verbrechens löste nicht nur Debatten über Gewalt, Sicherheit und die Präventionen davor aus. Sie stellte auch Fragen nach der Opfergruppe. Wer war potentielles Opfer und warum? Kriminologische Erhebungen sowie journalistische Beobachtungen stellten zunehmend fest, dass es sich in den meisten Fällen um Millionäre und Millionärinnen handelte. „Die reichen Leute und ihre Kinder sind das natürliche Ziel dieses Verbrechens, nicht die ganz normalen“, formulierte paradigmatisch die FAZ im Jahr 1983.

Der Vortrag stellt diese öffentlichen Debatten in den Mittelpunkt. Dabei wird die Suchbewegung von Zugehörigkeit und Identitätsbildung nachvollzogen und Besitz als Identitätsmerkmal exemplarisch diskutiert. Damit blickt der Vortrag nicht nur auf die öffentlichen Zuschreibungen sowie auf Vorstellungswelten der Täterinnen und Täter über die Opfer, die jene vor Gericht, in Interviews sowie in Erinnerungen formulierten. Der Vortrag will zudem zeigen, wie die Selbstwahrnehmung als Opfergruppe auch die Verortung in der sozialen Ordnung der Bundesrepublik einschloss und damit schlussendlich auch zur Disposition stellte, ob man sich der sozialen Gruppe der „Reichen“ zugehörig fühlen konnte.

In seinem Buch „Im Keller“ über seine Entführung 1996 resümierte Jan-Philipp Reemtsma: „Geld allein taugt nicht zur Identitätsbildung.“ Aber genau dieses gemeinsame Merkmal der Opfergruppe war nicht nur entscheidendes Kriterium für die Täter. Es löste ebenfalls Fragen nach Gerechtigkeit aus und stellte damit die öffentlichen Diskussionen um die Entführung in den Kontext von sozialen Ungleichheitsdebatten der 1970er Jahre.

Zu dem öffentlichen Online-Vortrag mit Diskussion sind alle Interessierten willkommen. Anmeldungen sind nicht notwendig, Kosten entstehen nicht.

Gerd Dapprich | 07.10.2021