Praxiserfahrung trotz Lockdown

Ben Dittmann hat als erster FernUni-Student ein Online-Praktikum bei der Günter Grass Stiftung Bremen absolviert. Das Angebot soll künftig auch anderen Studierenden offenstehen.


Portrait Foto: Ben Dittmann
Ben Dittmann in seinem Video für die Grass Stiftung Bremen

„Ich sehe ein Archiv jetzt nicht mehr als mit Dokumenten gefüllten Keller, sondern als lebendiges und kreatives Werkzeug wissenschaftlicher Arbeit“, berichtet Fernstudent Ben Dittmann nach seinem Online-Praktikum beim Medienarchiv der Günter Grass Stiftung Bremen. Die 130-stündige Praxiseinheit war Teil seines Bachelorstudiums Kulturwissenschaften an der FernUniversität in Hagen (Modul: Literatur als kulturelles Gedächtnis).

Das Lebenswerk von Grass entdeckte der Student in der Coronakrise für sich. Dittmanns ursprünglichen Plan, im Deutschen Literaturarchiv Marbach zu hospitieren, hatte der Lockdown durchkreuzt. Modulbetreuer Prof. Dr. Peter Risthaus, Leiter des Lehrgebiets Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Mediengeschichte, machte seinen Studenten jedoch auf eine krisenfeste wie attraktive Alternative aufmerksam: ein Online-Praktikum bei der Günter Grass Stiftung, ganz ohne längere Präsenzphasen. Für den in Dänemark lebenden Sozialpädagogen Dittmann ein perfektes Angebot.

Verbindung von Literatur- und Medienwissenschaft

Die Günter Grass Stiftung war zuvor an Prof. Risthaus herangetreten, um ihr Interesse an einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit zu signalisieren. „Die Verbindung von Literatur- und Medienwissenschaft in unserem Institut ist etwas Besonderes“, nennt der Forscher eine wichtige Verbindungslinie zum multimedialen Konzept der Stiftung. Sie betreibt ein digitales Medienarchiv, das Ton- und Filmdokumente im Zusammenhang mit Grass erschließt, sammelt und für die Forschung zugänglich macht. Neben inhaltlichen Brücken bestanden vonseiten der Stiftung auch persönliche nach Hagen: „Zwei Vorstandsmitglieder haben an der FernUni studiert, davon eines sogar promoviert“, so Ristaus. Ihre Alma Mater hatten sie in guter Erinnerung behalten.

Fortlaufendes Angebot und weitere Pläne

Risthaus freut sich über den engen Austausch. Die Stiftung baut ihr Medienarchiv stetig aus, macht es zugänglicher und beschreitet unter wissenschaftlicher Begleitung auch neue Wege der Wissensvermittlung. Zum Beispiel im Rahmen virtueller Ausstellungen. Die progressive Herangehensweise überzeugt den Medienwissenschaftler: „Das Medienarchiv ist sicher ein zukunftsträchtiges Projekt. Auch über Grass hinaus wird man dort viel über die Literaturgeschichte der BRD finden können.“ Die Praktika sollen mit vier Plätzen im Jahr als Angebot für Fernstudierende der Kulturwissenschaften erhalten bleiben – und auch über die Coronakrise hinaus online möglich sein. Weitere Vorhaben sind laut Risthaus bereits geplant: „In Zukunft soll es gemeinsame wissenschaftliche Projekte und eine Literaturausstellung geben, auch finden Gespräche über Stipendien für Doktorand*innen an unserem Institut statt.“

Portrait Foto: FernUniversität
FernUni-Wissenschaftler Prof. Peter Risthaus

Flexible Zeiten, vielfältige Aufgaben

Ben Dittmann blickt positiv auf sein Praktikum zurück und empfiehlt es seinen Mitstudierenden weiter. Abgesehen von einem eintägigen Aufenthalt in Bremen, bei dem er unter anderem als Gast an einer Kuratoriumssitzung teilnehmen durfte, lief alles über den heimischen Schreibtisch. „Ich hatte die Möglichkeit, flexibel und selbstständig zu arbeiten. Nach Absprache mit den Verantwortlichen konnte ich meine Arbeitszeiten selbst bestimmen, was es leichter gemacht hat, das Praktikum parallel zu Job, Studium und Kindern durchzuführen.“ Dabei lernte er das Online-Archiv näher kennen, recherchierte und schrieb einen Artikel für das Stiftungsmagazin. Die einzelnen Stränge führte Dittmann schließlich in einem dokumentarischen Video zusammen, das Grass‘ Haltung zum Mauerbau allgemeinverständlich erklärt.

Viel Vertrauen, große Verantwortung

Das Videoprojekt eröffnete ihm einen Erfahrungsbereich abseits klassischer Wissenschaft: „Ich habe mich ins Thema eingearbeitet. Dann habe ich ein Drehbuch verfasst und geguckt, was ich an Ton- und Bildmaterial verwenden kann“, resümiert Dittmann. „Dafür habe ich auch die Lizenzen und Genehmigungen eingeholt.“ Schließlich sprach er selbst den Text ein. Ein Mitarbeiter der Stiftung setzte das Drehbuch technisch um. Das große Vertrauen der Stiftung ihm gegenüber freut ihn: „Es ist schon eine große Verantwortung selbstständig einen Film zu produzieren, der im Namen der Stiftung online gehen soll.“ Durch das Praktikum ist Dittmann seinem persönlichen Ziel einen Schritt nähergekommen: „Ich habe das Fernstudium aus Interesse angefangen, inzwischen habe ich aber den großen Wunsch, eine akademische Laufbahn einzuschlagen.“

 

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Benedikt Reuse | 07.10.2021